Impressum    Datenschutz    Über    Pinterest

Abnehmen für Geld – ein Kommentar aus psychologischer Sicht

Wenn man Geld bekommen könnte fürs Abnehmen, wie wäre das? Die Forschung hat sich diese Frage auch gestellt, und die Antwort ist nicht ganz so, wie man es sich wünscht.
Geldscheine in einem Beutel, der von einem Maßband zusammengehalten wird
}
8 Minuten
Astrid Kurbjuweit
A

Links mit * sind Affiliatelinks

Abnehmen für Geld klingt vordergründig richtig gut. Dieser Artikel zeigt, warum es das tatsächlich ganz und gar nicht ist.

In vielen Köpfen hält sich hartnäckig der Gedanke, dass Menschen nur deshalb dick sind, weil sie nicht abnehmen wollen. Wer sich nicht vorstellen kann, wie schwer es ist, nachhaltig Gewicht zu verlieren, unterstellt oft mangelnde Disziplin, glaubt, dass es so schwer doch nicht sein kann, mal eine Zeit lang weniger zu essen.

Aus dieser Haltung entsteht dann die Idee: „Wenn wir den Leuten Geld für verlorene Kilos geben, dann strengen sie sich endlich mal an.“

Und es gibt tatsächlich eine wissenschaftliche Untersuchung, die genau diese Annahme überprüft hat. Die Ergebnisse sind überraschend. Und zeigen gleichzeitig, warum Geld (und andere Belohnungen) das Problem langfristig nicht löst.

Hier geht es um diese Untersuchung, was sie herausgefunden hat, und auch darum, was sie alles nicht herausgefunden hat.

Abnehmen für Geld – funktioniert das wirklich?

Immer wieder taucht die Idee auf: Vielleicht würden mehr Menschen abnehmen, wenn sie dafür bezahlt würden. Eine Studie hat genau das untersucht, und auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob es funktionieren würde.

Die Idee dahinter ist, dass Menschen deshalb nicht abnehmen, weil sie nicht wollen, jedenfalls nicht wirklich wollen. Abnehmen wird auf ein Disziplin-Problem reduziert.

Diese Idee ist nicht sehr freundlich, aber Geld zu bezahlen, ist immerhin besser, als mit höheren Krankenkassenbeiträgen zu drohen oder ähnliches. Auch solche Ideen hat es ja schon gegeben.

Hier geht es jetzt zuerst um die Studie, und dann darum, was nicht untersucht, und entsprechend auch nicht herausgefunden wurde. Danach gibt es dann noch eine psychologische Einordnung, also eine Diskussion, wie sinnvoll das Ganze überhaupt ist.

Die Studie im Überblick

Die Studie: 700 Teilnehmer, drei Gruppen

Die Wissenschaftler wollten wissen: Nehmen Menschen eher oder mehr ab, wenn man sie bezahlt? Dazu wurden 700 Menschen mit Adipositas (BMI > 30) rekrutiert. Sie bekamen das Ziel, innerhalb von vier Monaten 6–8 % ihres Körpergewichts zu verlieren.

Das ist ein medizinisch sinnvoller Wert. Er wurde so gewählt, damit alle Teilnehmer vor einer gleich schwierigen Aufgabe stehen sollten.

Die Teilnehmer wurden zufällig in drei Gruppen eingeteilt:

  • Gruppe 1 (Kontrollgruppe): Sollte das Gewichtsziel ohne Belohnung erreichen.
  • Gruppe 2: Erhielt 150 € bei Zielerreichung in Aussicht gestellt.
  • Gruppe 3: Erhielt 300 € bei Zielerreichung in Aussicht gestellt.

Dabei wurde die gesamte Summe bei vollständiger Zielerreichung gezahlt. Wenn das Ziel nur teilweise erreicht wurde, dann wurde auch nur ein Teil ausbezahlt.

Die Ergebnisse: scheinbare Erfolge und stumme Verlierer

Nach vier Monaten zeigte sich ein gemischtes Bild. Zunächst: Ein Viertel der Teilnehmer erschien gar nicht erst zum Abschlusswiegen. Sie hatten abgebrochen, es ist nicht bekannt, warum.

Bei denen, die durchhielten, gab es jedoch deutliche Unterschiede:

  • Die Gruppe ohne Geld nahm im Schnitt gut 2 kg ab.
  • Die Gruppe mit 150 € nahm durchschnittlich ca. 5,5 kg ab.
  • Die Gruppe mit 300 € nahm durchschnittlich fast 6 kg ab.

Die genauen Ergebnisse kann man in der Originalstudie nachlesen: https://www.rwi-essen.de/publikationen/wissenschaftlich/ruhr-economic-papers/detail/heterogeneous-causal-effects-of-financial-incentives-on-1479

Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Geld motiviert. Die bezahlten Gruppen nahmen fast dreimal so viel ab wie die unbezahlte Gruppe. Dabei war es fast egal, ob 150 oder 300 Euro geboten wurden.

Aber die Studie endete hier. Was danach passierte, wurde nicht gemessen. Dabei beginnt genau hier das psychologische Problem.

Aber zunächst soll es um die Abbrecher gehen. Ein Viertel der Teilnehmer, das sind extrem viele. Warum könnten sie sich entschieden haben, auf ihre Belohnung zu verzichten?

Die Abbrecher: Die Kehrseite der Motivation

Wer unbedingt das Geld haben will (und vielleicht auch noch als „Sieger“ des Abnehmwettbewerbes dastehen möchte), ist übermotiviert. Was bedeutet das?

Alle Teilnehmer haben die Aufgabe bekommen, 6 bis 8% ihres Körpergewichtes innerhalb von vier Monaten zu verlieren. Wie sie das machen, war ihnen selbst überlassen. Ob sie wussten, wie man so etwas anfängt, ist nicht bekannt, sie bekamen keine Anleitung, keine Tipps.

Man kann vermuten, dass sie zunächst hoch motiviert waren. Zum einen wollten sie abnehmen, zum anderen winkte auch noch die Belohnung.

Wenn sie das gemacht haben, was sehr viele Menschen tun, nämlich eine Crash-Diät, oder jedenfalls eine extreme Kalorienreduktion, vielleicht noch exzessiven Sport, dann sind sie nach kurzer Zeit vom Jojo-Effekt eingeholt worden.

Ein Mann steht an einer Weggabelung. Auf der einen Seite zeigt ein Wegweiser zu Crash-Diät & 300 Euro Belohnung, auf der anderen Seite zeigt der Wegweiser zu nachhaltigem Abnehmen. Der Mann hat einen Arm voll Landkarten und wirkt etwas gestresst.

Wo soll’s hingehen? Schneller Erfolg, der mit Geld und Gefahr verbunden ist, oder die nachhaltige Lösung?
Foto: KI-generiertes Bild

In der Folge hätten sie dann nach vier Monaten nicht weniger, sondern mehr gewogen als vorher.

Die meisten Menschen erleben so eine ungewollte Zunahme als Kontrollverlust, als persönliches Versagen. Auch wenn es das objektiv nicht ist.

Und wenn man schon glaubt, so komplett versagt zu haben, dann hat man nicht mehr den Mut, hinzugehen und sich das sozusagen amtlich bescheinigen zu lassen. Es macht dann auch gar keinen Sinn mehr.

Wir können also vermuten, dass zumindest ein Großteil der Abbrecher in diese Falle gelaufen ist.

Das war nicht ihre Schuld. Ihnen fehlte nicht Motivation, sondern Wissen. Die Studie hätte das liefern können, hat sie aber nicht.

Neben den Abbrechern gibt es aber noch die, die vier Monate lang dabei geblieben sind. Um die geht es jetzt.

Warum Geld kurzfristig wirkt, aber langfristig schaden kann

Um die Ergebnisse zu verstehen, muss man zwei Arten der Motivation unterscheiden:

  • Intrinsische Motivation: Man tut etwas um der Sache selbst willen (z. B. weil gesundes Essen gut schmeckt, weil Sport Spaß macht, weil man gerne abnehmen möchte).
  • Extrinsische Motivation: Man tut etwas für eine äußere Belohnung (Geld, Lob, Ruhm, etc.).

Geld ist ein starker extrinsischer Anreiz. Solange die Belohnung winkt, strengt man sich an. Ist das Geld ausgezahlt, fällt der Grund für die Anstrengung weg.

Viel problematischer ist jedoch der sogenannte Korrumpierungseffekt: Fast alle Übergewichtigen sind eigentlich intrinsisch motiviert. Sie wollen abnehmen.

Wenn man ihnen nun Geld dafür gibt, wird diese innere Motivation durch die äußere Belohnung ersetzt.

Man lernt, dass man es nicht für sich selbst tut, sondern für die Belohnung. Fällt die Belohnung dann weg, bricht oft auch das Verhalten zusammen. Wer einmal fürs Abnehmen bezahlt wurde, ist danach oft weniger motiviert als jemand, der nie Geld bekommen hat.

Die Belohnung ist das Ziel, auf das man hin arbeitet. Wenn man sie bekommen hat, hat man kein Ziel mehr.

Anders bei intrinsischer Motivation. Hier braucht man keine Belohnung, denn die Sache selbst ist anstrebenswert. Wer intrinsisch motiviert ist, macht also immer weiter, egal, was sonst ist.

Durch die Belohnung wird diese intrinsische Motivation zerstört.

Man kann also vermuten, dass das Ergebnis der Studie ganz anders aussehen würde, wenn sie fortgesetzt würde.

Denn wer sich angestrengt hat, dann seine Belohnung bekommen hat, ist erstmal fertig. Der Job ist erledigt.

Die Gruppe, die keine Belohnung bekommen hat, hat auch abgenommen, wenn auch weniger. Aber für diese Gruppe gibt es diesen Effekt nicht. Ihre Aufgabe ist nicht erledigt, sie können einfacher weiter machen.

Langfristig ist es also günstiger, wenn man keine Belohnung, kein Geld bekommt.

Oder, wenn es unbedingt extrinsische Motivation sein muss, dann nur mit regelmäßigen Zahlungen. So wie man für seine Arbeit regelmäßige Gehaltszahlungen bekommt.

Das Missverständnis mit den 6 bis 8 Kilo

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum finanzielle Anreize oft scheitern, den die Studie außer Acht ließ: Die Diskrepanz zwischen medizinischem Erfolg und persönlichem Ziel.

Für einen Arzt ist ein Gewichtsverlust von 6 % (bei 100 kg also 6 kg) ein Erfolg, da sich die Blutwerte und andere medizinische Indikatoren verbessern. Für den Betroffenen ändert sich dadurch aber kaum etwas:

  • Die Kleidung passt immer noch nicht richtig.
  • Die gesellschaftliche Diskriminierung bleibt bestehen.
  • Man sieht im Spiegel kaum einen Unterschied.
  • Viele Dinge sind noch genauso beschwerlich wie vorher

Kaum ein Übergewichtiger hat das Ziel, 6 oder 8 Kilo abzunehmen. Die meisten wollen wenn, dann auch ihr gesamtes Übergewicht loswerden.

Die Belohnung von 150 € oder 300 € hilft vielleicht, die Enttäuschung über diesen „kleinen“ Erfolg kurzfristig zu überbrücken.

Aber sie ändert nichts an der Tatsache, dass sich Übergewichtige eine fundamentale Veränderung wünschen und ein paar verbesserte Messwerte nicht ihr wirkliches Ziel sind.

Fazit: Motivation ist nicht das Problem

Die Studie zeigt zwar, dass die Aussicht auf Belohnung oder Bezahlung kurzfristig den Gewichtsverlust antreiben kann.

Aber sie hat keine Erklärung dafür, warum auch die Gruppe, die gar kein Geld bekommen hat, abgenommen hat. Ganz ohne externen Anreiz. Es scheint noch etwas zu geben, außer der Bezahlung, was Menschen antreibt, ihr Gewicht zu verringern.

Und sie hat keine Erklärung dafür, warum ein Viertel der Teilnehmer schlicht ausgeschieden ist. Es gab nur Belohnungen, oder eben nichts. Niemand wurde bestraft, trotzdem haben sie auf die weitere Teilnahme verzichtet.

Das Problem ist selten der fehlende Wille, sondern oft das fehlende Wissen über nachhaltige Methoden und die Resignation nach vielen gescheiterten Versuchen.

Geld überdeckt diese Probleme nur kurzfristig. Sobald die Prämie weg ist, ist meist auch die Motivation weg, und der Jo-Jo-Effekt vorprogrammiert.

Wer nachhaltig abnehmen will, braucht keine einmalige Finanzspritze, sondern eine Strategie, die langfristig die intrinsische Motivation erhält. Sei es durch ein besseres Körpergefühl, Spaß an der Bewegung oder echte Lebensqualität.

Ausblick: Was bedeutet das für Menschen, die abnehmen wollen?

Man kann aus diesen Ergebnissen schlussfolgern, dass es beim Abnehmen nicht um äußere Belohnungen gehen sollte, sondern darum, die intrinsische Motivation zu erhalten.

Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass Belohnungen, egal welcher Art, vermieden werden sollten.

Das wirklich wichtige Problem ist allerdings nicht mangelnde Motivation, sondern zu wenig Wissen über nachhaltige Abnehm-Methoden. Um den Umgang mit Rückschlägen, um realistische Vorstellungen, was in welcher Zeit möglich ist, wenn die Erfolge nicht nur kurzfristig sein sollen.

Belohnungen können dabei unterschiedlich aussehen. Wer zum Beispiel an einer der beliebten Abnehm-Challenges teilnimmt, wer Sportminuten trackt oder seine Abnehmerfolge öffentlich oder in einer Gruppe teilt, ist schon dabei, sich seine intrinsische Motivation zu zerschießen.

Wer abnehmen möchte, sollte sich also mehr um seinen ganz persönlichen Abnehm-Plan kümmern, als darum, was es dabei zu gewinnen gibt.

 

Warum Abnehmen mehr als einzelne Tipps braucht

Ideen, Methoden und Empfehlungen zum Abnehmen gibt es viele. Auch hier. Doch nachhaltiges Abnehmen entsteht nicht einfach aus einzelnen Bausteinen, sondern aus dem Verständnis, wie sie zusammenwirken.

Oft fehlt nicht der nächste Tipp, sondern der Überblick: Warum hat es bisher nicht dauerhaft funktioniert, trotz ehrlicher Bemühungen?

Aus dieser Einsicht entsteht eine andere Art von Strategie. Keine neue Diät, sondern ein veränderter Blick auf den eigenen Körper und das eigene Verhalten.

Die Titelseite des pdfs: Warum du nicht gescheitert bist, als Mockup auf einem Smartpone

Weitere Artikel der Abnehmschule

Beitragsbild: MakroBetz/Shutterstock