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Abnehmen und die Macht der Bilder: Macht der Anblick von leckerem Essen dick?

Abnehmen ist als Thema fast omnipräsent. Das Internet ist voll von Rezepten und Anleitungen. Mit den tollsten Fotos, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Ist das gut zum Abnehmen?
Rezepte zum Abnehmen: immer mit Foto, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Macht der Anblick dick?
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11 Minuten
Astrid Kurbjuweit
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Wer abnehmen möchte, sucht heute als erstes im Internet, auf social media, Instagram, Pinterest oder ähnlichen Plattformen nach Informationen.

Dort gibt es eine Fülle an Anleitungen, Anregungen und Rezepten zum Abnehmen. Alles präsentiert mit den wunderschönsten Fotos.

Gefühlt jeder zweite postet Fotos von seinem Essen, wer gerade dabei ist abzunehmen, sowieso. Das Netz ist voll mit den tollsten, appetitanregendsten Essensbildern. Food Fotografie ist eine Fertigkeit, die heute schon fast zur Allgemeinbildung gehört.

Food Fotografie für social media: Die Bilder haben keine Kalorien. Können sie trotzdem dick machen?

Food Fotografie für social media: Die Bilder haben keine Kalorien. Können sie trotzdem dick machen?
Foto: Golubovy/Shutterstock

Wer jetzt ins Netz guckt, weil er abnehmen möchte, wird bald erschlagen von einer Flut von Essensbildern, alle in möglichst appetitanregender Form präsentiert.

Ist es eine gute Idee, sich dem auszusetzen, wenn man abnehmen möchte? Oder: Was passiert überhaupt, wenn wir Bilder von leckerem Essen sehen?

Die Macht der Bilder: Warum sie anders wirken als Text

Aufmerksamkeit ist die Währung im Netz. Wer Aufmerksamkeit will, braucht Bilder. Denn während Texte eher unseren Verstand ansprechen, wirken Bilder viel unmittelbarer, auf unsere Gefühle, auch auf unser Unbewusstes.

Bilder von leckerem Essen wecken in uns das Bedürfnis, dieses leckere Essen auch zu essen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Eine sachliche Beschreibung, zum Beispiel ein Rezept, kann zwar auch das Bedürfnis wecken, das beschriebene Gericht zu kochen und zu essen, aber an die Macht der Bilder kommt der Text einfach nicht ran.

Das Ganze hat mindestens zwei Auswirkungen, die sehr entgegengesetzt wirken.

Zum einen demonstrieren die Fotos eindringlich, dass Abnehmen mit leckerem Essen, mit Genuss möglich ist. Das ist richtig gut.

Zum anderen wecken die Fotos die Esslust. Auch dann, wenn man eigentlich gerade gar keinen Hunger hat. Das ist grundsätzlich, aber insbesondere beim Abnehmen überhaupt nicht gut.

Abnehmen darf lecker schmecken – Genuss ist erwünscht

Abnehmen wird immer noch assoziiert mit strengen Diäten, faden Gerichten, mit Einschränkung und Selbstkasteiung. Auch wenn wir heute wissen, dass das falsch ist, dass Genuss im Gegenteil dem Abnehmen sehr förderlich ist, so ist dieses Bild doch immer noch in vielen Köpfen vorhanden.

Jedes Foto eines ansprechend, appetitanregend präsentierten Tellers mit einem Gericht, das zum Abnehmen geeignet ist, ist also ein Schritt in die richtige Richtung. Genuss darf nicht nur sein, Genuss ist gut. Genuss hilft beim Abnehmen.

Zum Problem wird das erst dadurch, dass es so viele sind. Die Fotos sind überall, sie sind allgegenwärtig.

Sie wecken die Esslust, quasi ständig. Wie kann man sich da abgrenzen, wenn man abnehmen und eben nicht ständig essen möchte?

Vor der Antwort auf diese Frage lohnt es sich, mal genauer hinzugucken, was die Fotos eigentlich genau bewirken, wie sie das machen.

Fotos wecken die Esslust – was passiert da genau?

Wenn leckeres Essen vor uns auf dem Tisch steht, wenn wir es sehen und riechen können, dann läuft uns das Wasser im Munde zusammen.

Das ist mehr als eine Redewendung. Speichel wird für die Verdauung benötigt, wenn man also schon mal anfängt, welchen zu produzieren, dann kann man sein Essen besser verdauen.

Anzeige: Zuletzt aktualisiert am 28. Februar 2024 um 19:49 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

Aber es bleibt nicht bei der Speichelproduktion. Magensäure wird produziert, Insulin wird ausgeschüttet, Galle wird bereitgestellt. Alles, um das nachfolgende Essen bestmöglich verdauen zu können.

Zusätzlich finden diverse psychologische Prozesse statt. Wir antizipieren den Genuss, der jetzt gleich kommt, wir freuen uns auf das angenehme Gefühl der Sättigung, das gleich einsetzen wird.

Zum einen stellen wir uns also psychologisch darauf ein, dass jetzt etwas passiert, was gut für uns ist. Und zum anderen bereitet sich unser Körper darauf vor, von diesem Guten, dem Essen, maximal zu profitieren.

Wenn wir dann tatsächlich essen, dann passt alles zusammen. Der Speichel, das Insulin, die Magensäfte, alles wird gebraucht und seiner Verwendung zugeführt. Aus Hunger wird zufriedenes Sattsein.

Und natürlich merken wir uns diese positive Erfahrung.

Und wenn jetzt jemand den Teller wegnimmt, wenn wir doch nicht essen können? Dann ist die ganze Vorbereitung umsonst, aber das Insulin ist im Blut, die Magensäfte sind im Magen, und ganz allgemein, der Zustand der Vorbereitung auf das Essen bleibt bestehen.

Ein Teller mit verschiedenen Gemüsesorten - lecker und kalorienarm

Verschiedene Gemüse auf einen Teller, lecker angerichtet, kalorienarm. Und kann doch dick machen, eben weil man das Foto nicht essen kann.
Foto: Wichy/Shutterstock

Das Insulin befördert Zucker in die Zellen, der Blutzuckerspiegel sinkt ab. Wenn wir ihn bisher nicht hatten, jetzt bekommen wir richtigen Hunger.

Und die Vorfreude auf den Genuss schlägt um in heftige Enttäuschung.

Wer in dieser Situation ist, begibt sich auf die Suche nach Essen. Und isst dann, ziemlich egal was, aber vermutlich schnell und hektisch. Isst alles, was er kriegen kann. Und das ist eben meistens zu viel.

Also egal, wer den Teller weggenommen hat, auch wenn man das selbst war, weil man meinte, das wäre zum Abnehmen notwendig: Es ist keine gute Idee. Es führt dazu, dass man zu viel isst.

Es ist also eine gute Idee, sich zu entscheiden. Tatsächlich zu essen, wenn es soweit ist, wenn alles auf Essen eingestellt ist.

Wenn man langsam und genussvoll isst, isst man auch nicht zu viel. Und selbst wenn es vielleicht mehr Kalorien sind als man meint, sich genehmigen zu dürfen, nicht zu essen, ist am Ende noch viel kalorienreicher.

Denn die Disziplin, die erforderlich ist, um weiterhin aufs Essen zu verzichten, die hat auf Dauer niemand.

Und der Körper holt sich sein Essen, auf das er sich vorbereitet hat. Ein unaufmerksamer Moment, und schon ist es passiert. Jeder hat unaufmerksame Momente.

Und was hat das jetzt mit den Food-Fotos zu tun?

Klassische Konditionierung: Gelernte Verbindungen zwischen Foto und Essen

Die klassische Konditionierung ist ein fundamentales Lernprinzip. Nicht nur Menschen lernen auf diese Weise, sondern auch Tiere und so ziemlich alle Organismen.

Entdeckt (nicht erfunden) wurde dieses Prinzip bereits 1905 von dem Russen Pawlow, der Experimente zum Speichelfluss von Hunden anstellte. Der Pawlowsche Hund ist deshalb sozusagen der Inbegriff der klassischen Konditionierung.

Die Theorie, die dieses Lernprinzip erklärt, war in der Psychologie lange Zeit ziemlich dominant.

Seit man weiß, dass es daneben noch andere Lernprinzipien gibt, ist die Bedeutung zurückgegangen, aber natürlich lernen Menschen (und Hunde) immer noch nach diesem Prinzip.

Der Pawlowsche Hund und sein Speichelfluss

Speichel hat für die Verdauung bei Hunden die gleiche Bedeutung wie beim Menschen. Und auch der Hund beginnt zu speicheln, wenn er sein Futter sieht oder riecht.

Der Pawlowsche Hund war da keine Ausnahme. Allerdings kündigte Pawlow die Mahlzeit durch eine Glocke an.

Und der Pawlowsche Hund lernte, nach ein paar Wiederholungen, dass die Glocke das Fressen ankündigte. Sein Speichelfluss setzte ein, wenn die Glocke ertönte, egal, ob das Futter dann kam oder nicht.

Dieses einfache Prinzip, wenn eine Reaktion auf einen bestimmten Reiz, also Speichelabsonderung auf Futter, auf einen anderen Reiz (Glocke) übertragen wird, ist die klassische Konditionierung.

Es ist ein mächtiges Prinzip. So einfach wie es ist, erklärt es eine Vielzahl von menschlichen (und tierischen) Verhaltensweisen.

So auch, warum wir auf Fotos vom Essen reagieren, als wenn es das Essen selbst wäre. Auch dann, wenn wir genau wissen, dass das nicht der Fall ist.

Ein Foto im Internet kann man nicht essen. Oder?

Der unmittelbare Zusammenhang, dass wir auf unser Essen reagieren, indem wir Speichel produzieren, Insulin ausschütten und noch einiges mehr, der ist physiologisch bestimmt. Damit kommen wir auf die Welt.

Aber dass wir dieselbe Reaktion, Speichelproduktion, Insulinausschüttung undsoweiter, auf ein Foto zeigen, das ist das Resultat einer klassischen Konditionierung.

Diese Konditionierung hat stattgefunden, findet immer wieder statt, ohne dass wir willentlich Einfluss darauf hätten.

Wir wissen schließlich, was auf den Fotos abgebildet ist.

Deshalb führt der Anblick des leckeren Essens, auch wenn wir genau wissen, dass es nur ein Foto ist, zu diesen essens- und verdauungsvorbereitenden Reaktionen.

Wir sehen das Foto und unser Körper macht sich bereit für die Verdauung. Das können wir nicht steuern, das ist so, weil wir so konditioniert sind.

Wir reagieren auf sogenannte  food cues.

Cues sind Hinweisreize. Die Fotos weisen uns auf Essen hin. Also reagieren wir auf die Fotos wie auf Essen.

Obwohl wir es besser wissen, versuchen wir sozusagen, das Foto im Internet zu essen. Da das nicht geht, sind wir in der gleichen Situation, in der uns jemand den Teller weggenommen hat.

In jeglicher Hinsicht vorbereitet aufs Essen, aber es gibt jetzt keins.

Machen Bilder von leckerem Essen dick?

Gar nicht so wenige Menschen sind überzeugt, bereits vom Anblick leckeren Essens zuzunehmen.

Direkt betrachtet ist das natürlich Unsinn, und die Menschen wissen das auch.

Aber vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Zusammenhänge kann man sagen, dass die Bilder vom leckeren Essen eben doch dick machen.

Wir sehen die Bilder, reagieren darauf, als wenn es reales Essen wäre und bleiben frustriert zurück, weil man die Bilder eben doch nicht essen kann.

Etwas später, in einem unaufmerksamen Moment, schieben wir uns dann etwas in den Mund, was durchaus auch eine ganze Pizza sein kann.

Denn unser Körper hat alles auf Verdauung vorbereitet, und jetzt soll es auch etwas zu verdauen geben.

Die Bilder haben also tatsächlich Macht über uns. Wie soll man damit umgehen?

Die Macht der Bilder: social media und Abnehmen

Das Internet und insbesondere social media sind voll mit Essensbildern, auf die wir reagieren. In einer Weise, die wir nicht steuern können.

Menschen unterscheiden sich darin, wie stark diese Reaktion ist. Vermutlich sind übergewichtige Menschen eher empfänglich für die Reize der Essensbilder. Aber spätestens, wenn wir hungrig sind, ist jeder betroffen.

Auf der einen Seite ist es gut, nach leckeren Rezepten und Anregungen zum Abnehmen zu suchen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch ganz gut, das ein wenig zu begrenzen.

Dem Essen weniger Raum im eigenen Leben zu geben, kann sehr wirksam zum Abnehmen sein.

Das kann bedeuten, dass man, wenn man ein Rezept gefunden hat, auch aufhört mit Suchen. Es ist jetzt erstmal gut genug. Es muss nicht perfekt sein.

Das kann aber auch bedeuten, dass man lernt, dem Essen und dem restlichen Leben jeweils seinen Platz zukommen zu lassen.

Essen, wenn man Hunger hat, und sich dann um sein Leben kümmern. Bis zur nächsten Mahlzeit spielt Essen erst mal keine Rolle.

Wer dafür sorgt, ein ausgefülltes Leben zu haben, hat gar keine Zeit, sich ständig der Bilderflut auszusetzen. Das ist sehr gut fürs Abnehmen.

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Beitragsbild: Jacek Chabraszewski/Shutterstock