Körperbild und Selbstakzeptanz – was das mit dem Abnehmen zu tun hat

Wer sich selbst realistisch sieht, kann besser entscheiden, ob Abnehmen notwendig ist. Wer sich selbst und seinen Körper mag, kann besser abnehmen. Man kann lernen, sich selbst und den eigenen Körper zu mögen, mit jedem Gewicht.
Wer sich dick fühlt, muss nicht unbedingt dick sein - und umgekehrt
4. Januar 2023
}
13 Minuten
Astrid Kurbjuweit
Viele Menschen, vor allem, aber nicht nur Frauen, mögen ihren Körper nicht. Sie glauben, sie müssten abnehmen, um damit dem Schönheitsideal zu entsprechen oder zumindest näher zu kommen.

Dann, so glauben sie, würden sie ihren Körper mögen und gut finden können.

Hier geht es darum, warum das so selten funktioniert, und was stattdessen ein erfolgversprechender Weg ist.

Übergewicht und Körperbild

Wer dick ist, oder dick zu sein glaubt, mag oft seinen Körper nicht. Der Körper wird als hässlich empfunden, oft wirklich geradezu gehasst.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir nur diesen einen Körper haben und untrennbar mit ihm verbunden sind, ist das nicht gut.

Man kann nicht gut seinen Körper hassen und gleichzeitig sich selbst mögen. Das funktioniert in der Praxis nicht.

Wer glaubt, dass er aus der Tatsache, dass er seinen Körper hasst, die Energie und Motivation ziehen kann, seinen Körper zu verändern, also abzunehmen, der irrt im Allgemeinen.

Und auch wenn der Körper vielleicht objektiv dick ist, so ist das bei weitem nicht dasselbe wie hässlich. Schlank ist auch nicht gleichbedeutend mit schön.

Viele Menschen sind schlank und völlig unscheinbar oder sogar unattraktiv. Abnehmen ist keine Garantie für gar nichts.

Das Körperbild, also das, was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, ist kein realistisches Foto. Wir sehen uns selbst immer durch die Brille unserer Erfahrungen, Einstellungen, Wünsche und Hoffnungen.

Und wir haben einen Fokus. Je nach Persönlichkeit sehen wir alles, was unschön, hässlich, negativ ist, oder wir sehen alles, was gut, schön, positiv ist. Das jeweils andere ist trotzdem da, wir sehen es nur nicht.

Ein positives Körperbild - die Frau findet sich gut

Ein positives Körperbild, sich selbst so akzeptieren, wie man ist. Damit ist man frei in seiner Entscheidung, abnehmen oder nicht abnehmen. Aber wenn ja, dann wird es gelingen.
Foto: GBJSTOCK/Shutterstock

Andere Menschen sehen vielleicht einen völlig anderen Körper als man selbst. Andere Menschen sehen vielleicht nicht nur das Aussehen, sondern auch die Persönlichkeit, die Ausstrahlung, das Selbstbewusstsein.

Und es kann durchaus sein, dass wir dem Aussehen zu viel Aufmerksamkeit schenken.  Ein Mensch ist so viel mehr als nur sein Aussehen. Auch ein dicker Körper trägt seinen Besitzer durchs Leben, und er macht das richtig gut.

Wer mal versucht, sein Körperbild durch diese Tatsache zu ergänzen, gewinnt. Denn der Körper ist stark, das macht ihn schön.

Alle diese Dinge ändern natürlich nichts daran, dass es in unserer Gesellschaft ein Schönheitsideal gibt und dass Menschen, die ihm nicht entsprechen, abgelehnt, gemobbt, runtergemacht werden.

Aus dem ganzen Stress mit den erfolglosen Abnehmversuchen und der Ablehnung, die dicke Menschen leider immer noch erfahren müssen, entstand die Body-Positivity-Bewegung.

Body-Positivity

Body-Positivity besagt im Wesentlichen, dass alle Körper schön sind. Damit sagt sie der Ablehnung, die dicke Menschen erfahren müssen, den Kampf an. Das ist gut.

Weniger gut ist, dass sie auf der anderen Seite in dicken Menschen einen Druck erzeugen, ihren Körper jetzt bitte schön zu finden. Und vor allem, auf keinen Fall abzunehmen.

Diese Kehrtwendung um 180 Grad kriegt nicht jeder so ohne Weiteres hin. Und vielleicht ist es auch gar nicht gut, so einfach unreflektiert dem Trend hinterherzulaufen.

Körperbild und Selbstakzeptanz

Ein negatives Körperbild von sich selbst zu haben, sich selbst hässlich zu finden, ist, vorsichtig ausgedrückt, stressig. Es führt oft dazu, dass Betroffene versuchen abzunehmen, damit scheitern und sich in der Folge noch schlechter fühlen.

Es ist sinnvoll, zu lernen, sich selbst zu akzeptieren. So, wie man eben ist. Sinnvoll ist auch, damit einen Schritt weiter zu gehen als die Body-Positivity-Bewegung.

Denn Selbstakzeptanz besagt nicht, dass man sich jetzt als strahlende Schönheit empfinden muss. Selbstakzeptanz besagt, dass man sich selbst so, wie man eben ist, gut findet.

Das ist möglich. Denn jeder Mensch ist so viel mehr als nur dieser Körper. Der mag vielleicht nicht so umwerfend schön sein, aber er ist noch so vieles andere.

Männern fällt es leichter, ein positives Körperbild zu haben, Selbstakzeptanz ist nicht ihr Problem.

Selbstakzeptanz: Männern fällt es leichter, ein positives Körperbild zu haben. Dieser Mann findet sich einfach gut.
Foto: oneinchpunch/Shutterstock

Und der Mensch in diesem Körper ist eine einzigartige Persönlichkeit, mit Intelligenz, Freundlichkeit, einem großen Herzen, Bildung und Wissen, Hilfsbereitschaft und noch vielem mehr.

Wer es schafft, diese eigene Einzigartigkeit zu sehen, der wird es auch schaffen, sich selbst gut zu finden. Damit wird der Körper weniger wichtig.

In der Situation sind viele Menschen dann doch in der Lage, ihre eigene Schönheit zu erkennen. Es kommt eben auf den Blickwinkel an. Wenn man den verändert, sieht man es doch.

Man kann sein Körperbild also hin zu einem positiven Körperbild verändern, man kann Selbstakzeptanz lernen.

Anzeige:

Frieden schließen mit dem eigenen Körper – Das Übungsheft für gute Gefühle

  • Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus und der Tyrannei des gängigen Schönheitsideals
  • Anne Marretz, Maggie Oda
  • Scorpio Verlag: 64 Seiten

Diese Selbstakzeptanz bringt dann eine riesige Freiheit mit sich. Denn damit ist man in der Lage, alles zu schaffen, was man schaffen möchte.

Das bedeutet zum Beispiel, dass man jetzt, wo es nicht mehr so wichtig ist, auch erfolgreich abnehmen kann. Wer sich selbst akzeptiert, so wie er ist, der wird schaffen, was er sich vornimmt.

Aber vor dem Abnehmen steht das Erkennen der Freiheit, dass Abnehmen freiwillig ist. Wer will, kann das tun. Es ist kein Zwang.

Körperbild, Selbstakzeptanz und Abnehmen

Menschen mit einem positiven Körperbild, die sich selbst so akzeptieren, wie sie sind, können leichter abnehmen. Wer mit sich und seinem Aussehen, seinem Gewicht hadert, hat es schwerer.

Der Grund dafür ist, dass Menschen, die ein positives Bild von sich selbst haben, sich eher zutrauen, egal was aus eigener Kraft zu erreichen. Das gilt dann auch fürs Abnehmen.

Wer sich also dick und hässlich fühlt und deshalb abnehmen will, sollte am anderen Ende anfangen.

Erst an der Selbstakzeptanz arbeiten, dann mit der neu gewonnenen Freiheit entscheiden, ob man abnehmen möchte. Und falls ja, wird es dann gelingen.

Sich dick fühlen

Was soll man also tun, wenn man sich dick und hässlich fühlt? Abnehmen? Auch wenn es vordergründig ganz klar erscheint, dass Abnehmen die Lösung sein muss, so ist das doch bei etwas genauerer Betrachtung gar nicht mehr so eindeutig.

Es empfiehlt sich, zunächst mal zu überprüfen, ob man überhaupt zu viel wiegt. Sich dick fühlen und dick sein sind zweierlei Dinge.

Man kann dick sein und sich auch so fühlen, man kann aber auch objektiv schlank sein und sich trotzdem dick fühlen. Nur wenn man tatsächlich zu dick ist, ist Abnehmen die Lösung.

Wann ist man zu dick?

Die Frage, wie man erkennt, ob ein Mensch zu dick ist, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Es gibt eine Reihe von Formeln und Berechnungsversuchen, es gibt Messmethoden und Normwerte für den Taillenumfang und andere Körperstellen.

Es gibt eine umfangreiche Diskussion über die Frage, ob die berechneten Normwerte auch dann gelten, wenn man mehr oder weniger Muskeln hat oder welche Rolle der Fettanteil dabei spielt.

Und dann ändern sich die als optimal angesehenen Werte auch noch mit der Zeit, sind Moden und auch wirtschaftlichen Interessen unterworfen.

Immer wieder gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen, die etwas ganz anderes zeigen, als die gängigen Behauptungen. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wer zu dick ist oder wann und unter welchen Bedingungen das der Fall ist.

Nicht jeder, der „objektiv“ zu dick ist, fühlt sich auch so. Auf der anderen Seite fühlen sich viele dick oder sogar fett, die ganz normal oder sogar schlank bis sehr schlank sind. Das subjektive Gefühl, hässlich oder unattraktiv zu sein, lässt sich nicht mit einer Kilozahl oder einem Messwert widerlegen.

Die Rolle des Schönheitsideals

Es gibt eine einfache Wahrheit: Mit einem gesunden Körpergewicht sieht man nicht so aus wie das moderne Schönheitsideal.

Wir werden täglich mit den Personifizierungen des Schönheitsideals konfrontiert: Magersüchtige Models, deren Bilder dann noch bearbeitet werden, um sie noch „schlanker“ erscheinen zu lassen.

Schlank sein, noch schlanker sein, wird mit Erfolg im Leben gleichgesetzt. An den Models kann man es sehen, die sind attraktiv, beliebt, begehrt, erfolgreich, verdienen mit ihrer Schönheit viel Geld. Jedenfalls wird es so dargestellt. Gleichzeitig wird an allen Ecken vor den Gefahren des Übergewichtes gewarnt.

Da ist es kein Wunder, dass viele versuchen, so zu werden wie die Models und sich hässlich und unzulänglich fühlen, wenn sie an irgendwelchen Stellen Abweichungen zwischen dem Aussehen des Ideals und ihrem eigenen Aussehen feststellen.

Einige Abweichungen lassen sich bereits relativieren, wenn man sich mal die unbearbeiteten Bilder der Models betrachtet. Es gibt inzwischen viele Seiten, auf denen man bearbeitete und unbearbeitete Fotos nebeneinander vergleichen kann, zum Beispiel hier. Ganz so schön sind selbst die scheinbar perfekten Models nicht. Auch das sind nur Menschen.

Dann sollte man bedenken, dass das Schönheitsideal genau das ist, ein Ideal. Ein Ideal ist etwas, das nur schwer oder nur von wenigen erreicht werden kann. Das Ideal ist geradezu so definiert, dass nur sehr wenige ihm entsprechen können. Sonst wäre es kein Ideal, sondern der Durchschnitt.

Models, die dem Schönheitsideal entsprechen, sind nicht nur sehr dünn, sie haben auch einen ungewöhnlichen Körperbau.

Man kann Diät halten oder hungern, soviel man will, die Beine werden davon nicht länger werden. Die Allermeisten werden niemals so wie das Schönheitsideal aussehen. Die Allermeisten sehen eben durchschnittlich aus, der Irrtum ist nur zu glauben, durchschnittlich wäre nicht schön.

Die Gegenbewegung

Inzwischen gibt es Protest. Models, die zu dünn sind, bekommen zumindest nicht mehr überall zuerst die Aufträge. Es gibt Werbung, es gibt Zeitschriften, die ganz bewusst auf normal gewichtige Models setzen.

So richtig funktioniert es noch nicht, es kommt immer noch vor, dass normal gewichtige Frauen als mollig bezeichnet werden, aber immerhin kann man sie (manchmal) fotografiert sehen.

Schönheit und Gesundheit

Der Protest kommt nicht ganz von ungefähr. Das Schönheitsideal ist ungesund. So ungesund, dass bereits Models (und Frauen, die auch so „schön“ sein wollten) verhungert sind.

Es ist also ziemlich sinnlos, sich mit dem Schönheitsideal zu vergleichen, weil es für die meisten sowieso unerreichbar ist. Und es ist ungesund bis lebensgefährlich, auch nur zu versuchen, diesem Ideal nahezukommen.

Es ist eine gute Idee, sich von unerreichbaren Zielen zu verabschieden. Attraktivität ist viel mehr als nur das perfekte Aussehen. Echte Attraktivität hat mit Aussehen nur am Rande zu tun.

Wer sich also dick und hässlich fühlt, der sollte nicht mit aller Gewalt versuchen, dünn zu werden. Davon fühlt man sich nicht weniger hässlich, aber man hat ein großes Risiko, es tatsächlich zu werden.

Selbst wenn es gelingt, abzunehmen, wird das Gefühl, zu dick zu sein, unzulänglich zu sein, bleiben. Schließlich findet, wer danach sucht, immer noch irgendwo eine Problemzone.

Wer dann noch weiter abnimmt, ist akut gefährdet, magersüchtig (oder auf dem Umweg über den Jo-Jo-Effekt richtig übergewichtig) zu werden. Die Betroffenen spielen nicht nur mit ihrem Leben, sie sind auch tatsächlich nicht mehr schön.

Wer sich dick und hässlich fühlt, der sollte vielleicht zunächst mal gucken, was es sonst noch so gibt im Leben, auch was er sonst noch so für Eigenschaften, Wünsche, Fähigkeiten und Interessen hat. Das Leben besteht nicht nur aus einem Thema.

Selbst Menschen, die tatsächlich zu dick sind, sind nicht einfach nur zu dick, sondern auch noch vieles andere, bei dem das Gewicht keine Rolle spielt.

Wer sich zu dick fühlt, wer meint, hässlich und minderwertig zu sein, der denkt oft Gedanken der Art, „wenn ich erst schlank bin, dann werde ich …“. Wer so denkt, wird wahrscheinlich nie schlank werden, vor allem wird er aber nie das tun, was er gerne tun möchte.

Wer stattdessen damit anfängt, das zu tun, was er gerne tun möchte, der wird auch schlank werden können. Oder, falls er es schon ist, der wird sich dann schlank fühlen können.

Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins. Wer sich selbst gut findet, der kann auch abnehmen, wer meint, erst abnehmen zu müssen, bevor er sich selbst gut finden kann, der wird vermutlich scheitern.

Wenn man erst mal angefangen hat, sich selbst gut zu finden, dann wird man viel besser feststellen können, ob man tatsächlich zu viel wiegt.

Und wenn das dann doch der Fall sein sollte, dann wird es schon deshalb viel einfacher sein, die überflüssigen Kilos loszuwerden, weil das gar nicht mehr so wichtig ist.

Also, es gibt so viele Dinge im Leben, die wichtiger sind als das Gewicht, wer sich zuerst darum kümmert, der wird es leichter haben, schlank zu werden und sich auch so zu fühlen.

Weitere Artikel

Beitragsbild: chalermphon_tiam/Shutterstock