Wer sich dick fühlt, muss nicht unbedingt dick sein - und umgekehrt
26. August 2021
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4 Minuten

Was soll man tun, wenn man sich dick und hässlich fühlt? Abnehmen? Auch wenn es vordergründig ganz klar erscheint, dass Abnehmen die Lösung sein muss, so ist das doch bei etwas genauerer Betrachtung gar nicht mehr so eindeutig.

Es empfiehlt sich, zunächst mal zu überprüfen, ob man überhaupt zu viel wiegt. Sich dick fühlen und dick sein sind zweierlei Dinge. Man kann dick sein und sich auch so fühlen, man kann aber auch objektiv schlank sein und sich trotzdem dick fühlen. Nur wenn man tatsächlich zu dick ist, ist Abnehmen die Lösung.

Wann ist man zu dick?

Die Frage, wie man erkennt, ob ein Mensch zu dick ist, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Es gibt eine Reihe von Formeln und Berechnungsversuchen, es gibt Messmethoden und Normwerte für den Taillenumfang und andere Körperstellen, es gibt eine umfangreiche Diskussion über die Frage, ob die berechneten Normwerte auch dann gelten, wenn man mehr oder weniger Muskeln hat oder welche Rolle der Fettanteil dabei spielt. Und dann ändern sich die als optimal angesehenen Werte auch noch mit der Zeit, sind Moden und auch wirtschaftlichen Interessen unterworfen. Immer wieder gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen, die etwas ganz anderes zeigen, als die gängigen Behauptungen. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wer zu dick ist oder wann und unter welchen Bedingungen das der Fall ist.

Nicht jeder, der „objektiv“ zu dick ist, fühlt sich auch so. Auf der anderen Seite fühlen sich viele dick oder sogar fett, die ganz normal oder sogar schlank bis sehr schlank sind. Das subjektive Gefühl, hässlich oder unattraktiv zu sein, lässt sich nicht mit einer Kilozahl oder einem Messwert widerlegen.

Die Rolle des Schönheitsideals

Es gibt eine einfache Wahrheit: Mit einem gesunden Körpergewicht sieht man nicht so aus wie das moderne Schönheitsideal. Wir werden täglich mit den Personifizierungen des Schönheitsideals konfrontiert: Magersüchtige Models, deren Bilder dann noch bearbeitet werden, um sie noch „schlanker“ erscheinen zu lassen. Schlank sein, noch schlanker sein, wird mit Erfolg im Leben gleichgesetzt. An den Models kann man es sehen, die sind attraktiv, beliebt, begehrt, erfolgreich, verdienen mit ihrer Schönheit viel Geld. Jedenfalls wird es so dargestellt. Gleichzeitig wird an allen Ecken vor den Gefahren des Übergewichtes gewarnt.

Da ist es kein Wunder, dass viele versuchen, so zu werden wie die Models und sich hässlich und unzulänglich fühlen, wenn sie an irgendwelchen Stellen Abweichungen zwischen dem Aussehen des Ideals und ihrem eigenen Aussehen feststellen. Einige Abweichungen lassen sich bereits relativieren, wenn man sich mal die unbearbeiteten Bilder der Models betrachtet. Es gibt inzwischen viele Seiten, auf denen man bearbeitete und unbearbeitete Fotos nebeneinander vergleichen kann, zum Beispiel hier. Ganz so schön sind selbst die scheinbar perfekten Models nicht. Auch das sind nur Menschen.

Dann sollte man bedenken, dass das Schönheitsideal genau das ist, ein Ideal. Ein Ideal ist etwas, das nur schwer oder nur von wenigen erreicht werden kann. Das Ideal ist geradezu so definiert, dass nur sehr wenige ihm entsprechen können. Sonst wäre es kein Ideal, sondern der Durchschnitt.

Models, die dem Schönheitsideal entsprechen, sind nicht nur sehr dünn, sie haben auch einen ungewöhnlichen Körperbau. Man kann Diät halten oder hungern, soviel man will, die Beine werden davon nicht länger werden. Die Allermeisten werden niemals so wie das Schönheitsideal aussehen. Die Allermeisten sehen eben durchschnittlich aus, der Irrtum ist nur zu glauben, durchschnittlich wäre nicht schön.

Die Gegenbewegung

Inzwischen gibt es Protest. Models, die zu dünn sind, bekommen zumindest nicht mehr überall zuerst die Aufträge. Es gibt Werbung, es gibt Zeitschriften, die ganz bewusst auf normal gewichtige Models setzen. So richtig funktioniert es noch nicht, es kommt immer noch vor, dass normal gewichtige Frauen als mollig bezeichnet werden, aber immerhin kann man sie (manchmal) fotografiert sehen.

Schönheit und Gesundheit

Der Protest kommt nicht ganz von ungefähr. Das Schönheitsideal ist ungesund. So ungesund, dass bereits Models (und Frauen, die auch so „schön“ sein wollten) verhungert sind.

Es ist also ziemlich sinnlos, sich mit dem Schönheitsideal zu vergleichen, weil es für die meisten sowieso unerreichbar ist. Und es ist ungesund bis lebensgefährlich, auch nur zu versuchen, diesem Ideal nahezukommen. Es ist eine gute Idee, sich von unerreichbaren Zielen zu verabschieden. Attraktivität ist viel mehr als nur das perfekte Aussehen. Echte Attraktivität hat mit Aussehen nur am Rande zu tun.

Wer sich also dick und hässlich fühlt, der sollte nicht mit aller Gewalt versuchen, dünn zu werden. Davon fühlt man sich nicht weniger hässlich, aber man hat ein großes Risiko, es tatsächlich zu werden. Selbst wenn es gelingt, abzunehmen, wird das Gefühl, zu dick zu sein, unzulänglich zu sein, bleiben. Schließlich findet, wer danach sucht, immer noch irgendwo eine Problemzone. Wer dann noch weiter abnimmt, ist akut gefährdet, magersüchtig (oder auf dem Umweg über den Jo-Jo-Effekt richtig übergewichtig) zu werden. Die Betroffenen spielen nicht nur mit ihrem Leben, sie sind auch tatsächlich nicht mehr schön.

Wer sich dick und hässlich fühlt, der sollte vielleicht zunächst mal gucken, was es sonst noch so gibt im Leben, auch was er sonst noch so für Eigenschaften, Wünsche, Fähigkeiten und Interessen hat. Das Leben besteht nicht nur aus einem Thema. Selbst Menschen, die tatsächlich zu dick sind, sind nicht einfach nur zu dick, sondern auch noch vieles andere, bei dem das Gewicht keine Rolle spielt.

Wer sich zu dick fühlt, wer meint, hässlich und minderwertig zu sein, der denkt oft Gedanken der Art, „wenn ich erst schlank bin, dann werde ich …“. Wer so denkt, wird wahrscheinlich nie schlank werden, vor allem wird er aber nie das tun, was er gerne tun möchte. Wer stattdessen damit anfängt, das zu tun, was er gerne tun möchte, der wird auch schlank werden können. Oder, falls er es schon ist, der wird sich dann schlank fühlen können.

Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins. Wer sich selbst gut findet, der kann auch abnehmen, wer meint, erst abnehmen zu müssen, bevor er sich selbst gut finden kann, der wird vermutlich scheitern. Wenn man erstmal angefangen hat, sich selbst gut finden, dann wird man viel besser feststellen können, ob man tatsächlich zu viel wiegt. Und wenn das dann doch der Fall sein sollte, dann wird es schon deshalb viel einfacher sein, die überflüssigen Kilos loszuwerden, weil das gar nicht mehr so wichtig ist. Also, es gibt so viele Dinge im Leben, die wichtiger sind als das Gewicht, wer sich zuerst darum kümmert, der wird es leichter haben, schlank zu werden und sich auch so zu fühlen.

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Beitragsbild: chalermphon_tiam/Shutterstock