Abnehmen: Was sagt die Wissenschaft dazu

Abnehmen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, das sollte doch zielführend sein. Warum die Forschung nicht die Antworten liefert, die man sich wünscht. Und warum es nicht zielführend ist, sich auf einzelne wissenschaftliche Arbeiten zu berufen.
Forschung zum Thema Abnehmen ist noch lückenhaft
25. Dezember 2021
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7 Minuten
Astrid Kurbjuweit

Fast jeder, der abnehmen möchte, hat es schonmal probiert, oder auch schon öfter. Der nächste Versuch soll daher jetzt auf wissenschaftlicher Evidenz basieren. Das klingt erfolgversprechend. Leider ist es nicht so einfach, wie es sich anhört.

Inzwischen hat eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen Übergewicht und Abnehmen als Forschungsgegenstand entdeckt. Aber die Antwort auf die Frage, welche Diät denn nun die beste ist, oder wie man ganz sicher erfolgreich abnehmen kann, die steht immer noch aus.

Hier geht es darum, warum das so ist. Was man von der Wissenschaft erwarten kann und was nicht.

Was sagt die Wissenschaft? Welche ist die beste Diät?

Das ist die Frage, die den bislang noch erfolglosen abnehmwilligen Menschen umtreibt: Welche Diät ist die beste? Die Wissenschaft muss es doch wissen.

Aber man kann leider lange suchen. Es gibt keine seriöse wissenschaftliche Studie, die diese Frage ein und für alle Mal beantwortet.

Das liegt zu einem großen Teil an der Art dieser Frage. Und es liegt auch an der Art, wie wissenschaftliche Forschung funktioniert.

Was ist Wissenschaft und wie funktioniert sie?

Ein Wissenschaftler, der sich zum Beispiel für die Frage interessiert, welche Diät die beste sein könnte, versucht als erstes, konkret zu sagen, was die Frage überhaupt bedeutet. Vorher kann sie nicht untersucht, und schon gar nicht beantwortet werden.

Wie viele Diäten gibt es? Das muss man wissen, um die beste zu finden

Die Suche nach der besten Diät impliziert, dass die Menge der möglichen Diäten bekannt ist. Wie soll man schließlich die beste Diät finden, wenn ständig neue erfunden werden?

Aus der Frage, welche Diät die beste ist, wird deshalb für eine praktische Untersuchung meistens die Frage, welche von zwei oder drei vorher ausgesuchten Diäten die bessere ist.

Zum Beispiel werden nicht alle möglichen Diäten untersucht, sondern es werden Low Carb und Low Fat Diäten miteinander verglichen. In der Hoffnung, dass man herausfinden kann, welche von den beiden denn nun besser ist.

Was dann natürlich nicht bedeutet, dass die bessere der beiden überhaupt die beste ist.

Wenn man also mehr als zwei oder drei Diäten in Betracht ziehen möchte, dann braucht man entsprechend viele Untersuchungen. Aber wir bleiben jetzt erstmal beim Beispiel des Low Carb und Low Fat Vergleichs.

Was genau ist eine Low Carb Diät?

Low Carb Diäten zu untersuchen beinhaltet einen zweiten Stolperstein. Denn auch wenn die zurzeit in aller Munde sind, so ist doch nirgends festgelegt, was genau als Low Carb bezeichnet werden darf und was nicht. Soll man Atkins, Paleo, Ketogene Diät oder eine der vielen anderen untersuchen?

Für Low Fat gilt natürlich dasselbe. Man muss sich irgendwie für eine konkrete Variante entscheiden.

Für die Zwecke der konkreten Untersuchung muss man also irgendwie festlegen, was man zumindest in diesem Fall mit Low Carb meint. Wenig Kohlenhydrate ist für eine wissenschaftliche Untersuchung zu schwammig. Es braucht eine konkrete Zahl.

Aber welches ist die richtige Zahl? 20 Gramm Kohlenhydrate am Tag? 50 Gramm, 100 Gramm? Man kann vermuten, dass unterschiedliche Festlegungen zu unterschiedlichen Ergebnissen der Untersuchung führen werden, also braucht man eine möglichst gut begründete Festlegung.

Wenn man das entschieden hat, dann braucht man eine weitere Entscheidung, nämlich in der Frage, ob jetzt mehr Fett oder mehr Eiweiß gegessen werden soll, wenn die Kohlenhydrate ja reduziert sind. Wir wissen bereits aus früheren Untersuchungen, dass die Ergebnisse der Untersuchung anders sein werden, je nachdem, wie man hier entscheidet.

Braucht man ein Kaloriendefizit?

Dann kann man zusätzlich zu den reduzierten Kohlenhydraten ein Kaloriendefizit festlegen, oder eben nicht. Es sollte jedenfalls in beiden untersuchten Alternativen gleich groß sein.

Sobald man praktisch mit der Forschung beschäftigt ist, kann man feststellen, dass es noch viel mehr Entscheidungen gibt, die getroffen werden müssen, bevor man überhaupt anfangen kann.

Für die Leser der fertigen Untersuchungen bedeutet das, dass es viel Wissen und Expertise benötigt, um aus den vielen veröffentlichten Untersuchungen und Forschungsarbeiten diejenigen herauszufinden, die für die eigene Fragestellung relevant sind.

Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt, bevor man anfangen kann.

Woran erkennt man die beste Diät?

Was ist gemeint, wenn man nach der besten Diät sucht? Die Diät, die den abnehmenden Menschen am besten gefällt? Die, mit der sie am schnellsten abnehmen? Die, mit der sie am meisten abnehmen? Oder die, mit der sie hinterher nicht wieder zunehmen? Vielleicht auch die, die am besten für die Gesundheit ist?

Vielleicht gibt es sogar noch mehr mögliche Fragen. Jedenfalls muss man irgendwie festlegen, was man für seine Untersuchung meint, wenn man nach der besten Diät sucht. Je nachdem, wie man sich entscheidet, wird die Untersuchung einfacher oder komplizierter.

Denn wenn man zum Beispiel die gesündeste Diät sucht, dann muss man wiederum festlegen, was genau man damit denn nun meint.

Wenn man die Diät sucht, bei der man hinterher nicht wieder zunimmt, dann muss man die Untersuchung auf eine lange Zeit anlegen.

Und dann muss man noch entscheiden, für wen die Diät sein soll.

Wer soll abnehmen?

Die beste Diät zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber es kann sein, dass die beste Diät für Frauen eine andere ist als die beste Diät für Männer. Es kann sein, dass es einen Unterschied macht, ob jemand 5 oder 50 Kilo abnehmen möchte oder muss. Ob man jung oder alt ist.

Es kann auch sein, dass für Lieschen Müller eine andere Diät gut ist als für Norbert Maier. Ernährung ist individuell, da wird es Abnehmen vermutlich auch sein.

Wie auch immer, man muss vor Untersuchungsbeginn festlegen, für wen die Ergebnisse gelten sollen. Wenn man festlegen möchte, dass sie für alle gelten sollen, dann wird die Untersuchung riesig und enorm kompliziert. Und damit auch sehr teuer.

Abgesehen davon, dass man dann zumindest theoretisch auch die mit bedenken müsste, die noch gar nicht geboren sind.

Bis hier hat man also schonmal festgelegt, welche Diäten überhaupt untersucht werden sollen, wie die genau definiert sind, und nach welchem Kriterium entschieden werden soll, welche besser ist. Dann hat man entschieden, für wen die Ergebnisse gelten sollen.

Jetzt fehlt nur noch die Frage, wie das Ganze jetzt untersucht werden soll.

Forschungs- und Untersuchungsmethoden

Es gibt eine riesige Menge an wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Je nach angestrebtem Zweck ist die tatsächliche Auswahl zwar kleiner, aber man muss trotzdem noch überlegen, was man erreichen will und welchen Aufwand man treiben möchte und treiben kann.

Die Befragung

Als einfachste Untersuchungsmethode in unserem Fall könnte man Menschen befragen, die die jeweilige Diät anwenden oder angewendet haben. Das wird oft gemacht, weil es am einfachsten und damit auch am kostengünstigsten ist.

Allerdings sind die Ergebnisse grundsätzlich nicht sehr genau. Menschen können sich ganz schlicht nicht immer erinnern, was sie genau wann und in welcher Menge gegessen haben.

Menschen haben unterschiedliche Gründe, nicht wahrheitsgemäß zu antworten. Und natürlich gelingt es kaum jemandem, sich perfekt an egal welche Diät oder Ernährungsform zu halten.

Und natürlich entscheiden Menschen aus ganz persönlichen Gründen, ob sie diese oder jene Diät wählen. Es kann also sein, dass aus egal welchen Gründen alle stark Übergewichtigen die eine Diät wählen und alle, die gerade mal 5 Kilo abnehmen wollen, die andere.

Ob die Ergebnisse in dem Fall an der Diät oder an den unterschiedlichen Zielen liegen, lässt sich nicht so einfach feststellen.

Die Beobachtung

Besser als eine einfache Befragung ist deshalb eine Beobachtungsstudie. Man kann entweder nur Menschen mit bestimmten Merkmalen auswählen, also zum Beispiel nur Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30.

Oder man kann Menschen mit unterschiedlichen Merkmalen gleichmäßig auf die verschiedenen Bedingungen, also die verschiedenen Diäten, verteilen. Sodass die Vergleichbarkeit gewahrt bleibt.

Die Teilnehmer der Studie werden dann gebeten, jeden Tag oder nach jeder Mahlzeit einen vorher festgelegten Erfassungsbogen auszufüllen.

Diese Methode ist genauer als die rückwirkende Befragung. Denn die Teilnehmer wissen, worauf es ankommt, der Erfassungsbogen gibt es vor. Und direkt nach der Mahlzeit können sie sich auch noch gut erinnern.

Allerdings wird die Auswertung fast immer ergeben, dass sich einige, oder auch viele, nicht exakt an die jeweilige Diät gehalten haben.

Wenn man also wissen möchte, welche die beste Diät ist, ist es besser, das in einer Umgebung zu untersuchen, in der die Teilnehmer gar nicht anders können, als sich an ihre Diät zu halten.

Die Interventionsstudie

In einer Interventionsstudie wird den Teilnehmern vorgegeben, was sie tun und lassen müssen. Sie können sich das nicht aussuchen.

Entsprechend sind die Ergebnisse viel aussagekräftiger. Dies ist die von Wissenschaftlern der meisten Fachrichtungen bevorzugte Untersuchungsform. Es gibt geradezu unendlich viele Spielarten.

Nicht alle, aber viele wissenschaftliche Fragestellungen lassen sich auf diese Weise untersuchen.

Im Fall des Diätvergleichs wäre eine solche Untersuchung allerdings extrem aufwändig und damit auch extrem teuer. Daraus folgt schon, dass es im Grunde keine gibt. Denn ob eine Diät gut oder nicht so gut ist, kann man nicht nach einem Tag sagen.

Es braucht einen längeren Untersuchungszeitraum. Man müsste über mehrere Wochen, besser Monate sicherstellen, dass die Teilnehmer wirklich genau das essen, was auf dem Plan steht. Nicht mehr, nicht weniger, nicht etwas anderes.

Weil das im Grunde nicht geht, werden Untersuchungen zur Wirksamkeit oder Qualität von Diäten oder Abnehmprogrammen mit weniger exakten Methoden durchgeführt.

Entsprechend sind die Ergebnisse grundsätzlich offen für alternative Interpretationen.

Fazit

Wer die Frage nach der besten Diät in einer einzigen wissenschaftlichen Studie untersuchen wollte, müsste eine gigantische Untersuchung anstellen. Aus praktischen Gründen werden deshalb umfassende Fragestellungen wie die nach der besten Diät immer in Teilaspekten untersucht.

Daraus folgt dann allerdings, dass die Ergebnisse auch nur für den untersuchten Teilaspekt gelten. Und weil jede Wissenschaftlerin, jede Forschungsgruppe ihre eigenen Aspekte in den Vordergrund stellt, ist es schwer und erfordert Expertise, die vielen unterschiedlichen Studien zu vergleichen.

Es gilt aber auch, dass nicht eine Studie die Frage abschließend beantwortet, sondern dass viele Studien mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen ein Bild ergeben.

Dieses Bild ist für entsprechend ausgebildete Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen viel aussagekräftiger, als es eine einzige Untersuchung jemals sein könnte.

Zusätzlich werden zu wichtigen Themen im Laufe der Zeit Meta-Analysen angefertigt, in denen die unterschiedlichen Studien nach wissenschaftlichen Kriterien zusammengefasst, verglichen und bewertet werden.

Für alle Nicht-Wissenschaftler:innen ist die Interpretation entsprechend schwer. Wenn man also mal wieder irgendwo lesen darf, dass es eine neue Studie gibt, die egal was beweist, dann kann man das getrost anzweifeln.

Was beweisen wissenschaftliche Studien?

Selbst im Kontext der anderen Studien des Forschungsgebietes wird man nur selten von Beweis sprechen können. Meistens ist es so, dass sich mit jeder weiteren Studie die Evidenz verdichtet, die Zweifel also immer kleiner werden und man immer genauer sagen kann, was tatsächlich der Fall ist.

In einem neuen Forschungsgebiet ist es völlig normal, dass man zunächst scheinbar widersprüchliche Ergebnisse erhält. Erst im Laufe weiterer Studien wird dann immer klarer, welches Ergebnis unter welchen Bedingungen zu erwarten ist.

So gibt es zur Zeit also, um beim Thema der Low Carb Diäten zu bleiben, Studien die zeigen, dass es eine gute, und Studien, die zeigen, dass es eine schlechte Diät ist.

Man muss genau hingucken, um zu sehen, dass das nicht widersprüchlich ist. Sondern dass unterschiedliche Aspekte auf unterschiedliche Arten und Weisen untersucht wurden.

Genaues Hingucken erfordert das Lesen der Originalarbeiten. Nicht-Wissenschaftler tun sich damit meistens schwer.

Konkret ist der Stand der Forschung, dass Low Carb gut zum Abnehmen geeignet ist. Dass es in manchen konkreten Ausgestaltungen gesund ist, in anderen nicht. Eher gesund sind die fettreichen Low Carb-Varianten, eher ungesund die eiweißreichen. Dass man, wie bei anderen Diäten auch, hinterher wieder zunimmt.

Aber die Forschung ist nicht abgeschlossen.

Beweise gibt es in der Mathematik, in der Physik und ähnlichen Wissenschaften. Überall da, wo Menschen beteiligt sind, ist es komplizierter.

Weitere Aspekte von Abnehmen, Wissenschaft und Forschung

Die weiter oben beispielhaft beschriebene Fragestellung, welche Diät die beste sein könnte, bildet natürlich nicht die Gesamtheit möglicher wissenschaftlicher Fragen rund um das Thema Abnehmen ab.

Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt sich mit Fragestellungen, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Problematik der Gewichtsreduktion, zu Entstehung und Behandlung von Übergewicht haben.

So gibt es unter anderen Arbeiten von Medizinern, Ernährungswissenschaftlern, Sportwissenschaftlern und Psychologen.

Jede Disziplin betrachtet dabei das Problem des Übergewichtes und andere, für das Abnehmen relevante Fragen unter ihrem jeweiligen Blickwinkel. Die resultierende Vielfalt kann verwirrend sein, sie birgt aber die Chance zu einem umfassenden Verständnis, das eine Disziplin alleine nicht herstellen kann.

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Beitragsbild: metamorworks/Shutterstock