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Paleo-Diät: Wie die Steinzeit-Ernährung funktioniert und was unsere Vorfahren wirklich gegessen haben

In der Steinzeit haben die Menschen nur Fleisch und Gemüse gegessen. Deshalb ist die Paleo-Ernährung die natürliche Ernährungsform des Menschen. Wirklich? Warum die Realität vielleicht ganz anders war. Und ist.
Fleisch und Gemüse: Paleo-Diät
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22 Minuten
Astrid Kurbjuweit
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Die Paleo-Diät ist eine Form der Low-Carb-Diäten. Es gibt viel Fleisch, Gemüse und Obst. Keine Milch, kein Getreide, und natürlich auch keine modernen industriell hergestellten Lebensmittel.

Das soll die natürliche Menschen-Ernährung sein und deshalb schlank machen. Was ist dran an dieser Behauptung?

Paleo- oder Steinzeitdiät

Das Prinzip dieser Diät ist ganz einfach. Man isst nur solche Lebensmittel, die unsere Vorfahren in der Steinzeit auch schon gegessen haben.

Die Begründung dafür ist, dass das der längste Abschnitt in der Entwicklung der Menschheit war, dass wir deshalb optimal an diese Ernährungsweise angepasst sind.

Weil eben die Zeit seitdem zu kurz war, als dass wir uns evolutionär an die heutige Ernährung hätten anpassen können.

Die interessante Frage ist also, was die Menschen in der Steinzeit gegessen haben. Und darauf gibt es mindestens zwei sehr unterschiedliche Antworten.

  • Die eine Antwort ist die, die die Anhänger der Paleo-Diät geben.
  • Die andere Antwort resultiert aus der Forschung, vor allem der archäologischen. Diese Antwort fällt naturgemäß länger und ausführlicher aus.

Was die Menschen in der Steinzeit gegessen haben

Die Steinzeit war eine lange Zeit. Mindestens 2,5 Millionen Jahre lang verwendeten die Menschen Werkzeuge aus Stein. Sie kannten kein Metall und zähmten erst das Feuer. Sie waren Jäger und Sammler.

Allerdings haben sie in dieser Zeit einen großen Teil der Erde besiedelt und sich dabei immer von dem ernährt, was die jeweilige Gegend gerade hergab. DIE Steinzeiternährung gab es also wohl eher nicht. Steinzeiternährungen trifft es wahrscheinlich besser.

Schwein am Spieß, fast wie in der Steinzeit

Ganzes Schwein, Spanferkel am Spieß. Fast wie in der Steinzeit.
Foto: Adam Radosavljevic/Shutterstock

Die Anhänger der Paleo-Diäten machen hier keine Unterschiede.

Sie unterstellen, dass die menschliche Ernährung zu der Zeit aus viel Fleisch, Gemüse und Obst bestand. Also eiweißreich und kohlenhydratarm war.

Was unsere Vorfahren wirklich gegessen haben

Die Forschung untersucht zum Beispiel Zahnstein von uralten Zähnen. Und findet, dass die Menschen tatsächlich Fleisch, Obst und Gemüse gegessen haben. Allerdings auch Samen von sehr vielen Pflanzen, Wurzeln und Milch.

Getreide gab es erst mit der Erfindung des Ackerbaus, also nach dem Ende der Steinzeit. Aber die Vorläufer des Getreides, die Samen von Gräsern, haben die Menschen schon lange vorher gegessen.

Woher die falschen Vorstellungen über die Steinzeiternährung kamen

Diese Erkenntnis ist relativ neu. Das liegt vor allem daran, dass die Überreste von Fleischmahlzeiten, also vor allem Knochen, die Jahrtausende besser überdauert haben als die Überreste pflanzlicher Nahrungsmittel.

Archälogische Ausgrabungen. Die Funde erfordern fachliche Einordnung und Interpretation

Archälogische Ausgrabungen mit Funden aus der Steinzeit. Der Laie erkennt nicht viel, für die Experten tut sich eine neue Welt auf
Foto: AlexaStanko003/Shutterstock

Die Nachweismethoden sind also komplizierter und erfordern zum Teil moderne Technik, die es noch nicht so lange gibt. Das ändert aber alles nichts daran was die Menschen damals gegessen haben.

Brot, Brei und Bier in der Steinzeit

Die Menschen haben Brot gebacken, Brei gekocht und Bier gebraut. In der Steinzeit. Die Forschung hat das eindeutig nachgewiesen. Steinzeiternährung beinhaltet also all diese Lebensmittel.

Gemüse in der heutigen Form haben sie nicht gegessen. Denn alle unseren heutigen Gemüsearten sind das Ergebnis jahrtausende langer Züchtung.

Teil der Paleo-Diät sind aber alle unsere heutigen Gemüse-Arten. Obwohl es die in der Steinzeit noch gar nicht gab.

Ob heutige Wildgemüse-Arten so sind, wie sie es in der Steinzeit waren, ist nicht bekannt. Aber auch hier wird es wohl Evolution gegeben haben.

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Jedenfalls ist es heute nicht möglich, sich von Wildgemüse zu ernähren. Es gibt zu wenig, wir sind zu viele.

Inwieweit Obst ein wichtiger Bestandteil der Ernährung in der Steinzeit war, hängt wohl sehr davon ab, wo die jeweiligen Menschen gelebt haben und welche Jahreszeit man gerade betrachtet.

Wurzeln von allen möglichen Pflanzen waren Teil der Ernährung, sicher ein wichtiger. Warum die Paleo-Diät also Kartoffeln ablehnt, ist nicht klar.

Vor und nach der Nutzbarmachung des Feuers

Bevor sie das Feuer nutzten, war die Ernährung der Menschen zwangsläufig roh. Wer kein Raubtiergebiss hat, hat aber mit rohem Fleisch seine Schwierigkeiten.

Man kann also vermuten, dass sie auch Aas gegessen haben. So weit würden heutige Paleo-Anhänger dann wohl doch nicht gehen wollen.

Sicher kann man sagen, dass die Steinzeitmenschen alles gegessen haben werden, was sie irgendwie gefunden haben. Den Luxus, sich für eine bestimmte Ernährungsform zu entscheiden, hatten sie sicherlich nicht.

Heute noch lebende Jäger- und Sammler- Kulturen unterscheiden sich jedenfalls erheblich in ihrer Ernährungsweise. Je nachdem, wo sie leben. Es liegt nahe, dass das in der Steinzeit auch so war.

Die Forschung sagt uns also, dass die Ernährung in der Steinzeit vor allem von dem geprägt war, was es eben gab. Von der Notwendigkeit, alles zu essen, was irgendwie essbar war.

Daraus folgt natürlich, dass die Ernährung zu der Zeit aus reinen Naturprodukten bestand und vielseitig, dabei aber immer regional war. Der Mensch ist ein Omnivore, ein Allesfresser.

Wie gesund ist die Steinzeiternährung?

Die Anhänger der Paleo-Ernährung sind überzeugt, dass die damalige Ernährung gesund und an die Besonderheiten der menschlichen Verdauung angepasst war.

Sie meinen, dass unsere heutige Ernährung krank machen würde, weil sie nicht natürlich wäre. Unsere Vorfahren hätten schließlich den größten Teil der Menschheitsgeschichte in der Steinzeit verbracht und sich dort von Fleisch, Gemüse und Obst ernährt.

An unserer heute üblichen Ernährung gibt es vieles, was nicht so besonders gesund ist. Wir essen Industrieprodukte, Zucker, ausgemahlenes Mehl, modifizierte Stärke, Zusatzstoffe und zu viel Salz, zu viel Fett.

Wir essen mehr Kohlenhydrate als unsere nomadischen Vorfahren. Aber es bleibt unklar, ob das wirklich ungesund ist. Wir haben eine deutlich höhere Lebenserwartung als die Menschen in der Steinzeit.

Gesund wie in der Steinzeit, dank Paleo-Ernährung?

Vor allem aber wissen wir nicht, ob die Steinzeiternährung wirklich gesund für die damaligen Menschen war. Sie sind nicht alt genug geworden, um das feststellen zu können.

Für die damalige Lebenserwartung gibt es unterschiedliche Schätzungen, die zwischen 20 und 35 Jahren schwanken.

Steinzeitmenschen, wie man sie sich heute vorstellt, Schauspieler

So stellt man sich heute Steinzeitmenschen vor. Gesund und fit, jung und stark. Alt ist kaum jemand geworden.
Foto: Grordenkoff/Shutterstock

Nicht zu vergessen eine für heutige Verhältnisse unvorstellbar hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit.

Hinzu kommt, dass die Lebenden natürlich gesund waren. Wer krank war, hatte keine Chance, der starb eben.

So gesund zu sein wie in der Steinzeit ist also nur bedingt anstrebenswert, bedeutet es doch auch ein sehr kurzes Leben.

Die ersten 30 oder 40 Jahre sind auch heute die meisten Menschen gesund, die Zivilisationskrankheiten machen sich in den meisten Fällen erst später bemerkbar.

An welchen Krankheiten und Zipperlein Steinzeitmenschen gelitten hätten, wenn sie denn so alt geworden wären wie wir heute, können wir nicht wissen.

Schlank wie in der Steinzeit

Die Steinzeitmenschen waren bestimmt schlank, auch wenn das kaum beweisbar sein dürfte. Daraus folgt aber noch nicht, dass wir heute mit einer Steinzeiternährung genauso schlank sein werden.

Selbst von den gesündesten Lebensmitteln kann man zu viel essen. Und wir dürfen natürlich nicht annähernd soviel essen wie unsere steinzeitlichen Vorfahren.

Schließlich hat das Dasein als Jäger und Sammler ungleich mehr Energie verbraucht als das heute übliche Sitzen in gut geheizten Wohnungen.

Nahrung egal welcher Art war ungleich schwerer zu beschaffen, mit viel mehr Mühe und wohl auch oft genug ohne Erfolg.

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Vor allem im Winter wird es nicht immer allen gelungen sein, für ausreichende Ernährung zu sorgen.

Schlank zu sein ist sicherlich anstrebenswert, aber manchmal sollte man auch bedenken, dass der Hungertod, der damals wohl garnicht so ungewöhnlich war, nicht wirklich anstrebenswert ist.

Zusammenfassend kann man über die Ernährung in der Steinzeit wohl sagen, dass sie vor allem von der Notwendigkeit geprägt war, sich von dem zu ernähren, was eben da war.

Das steht in deutlichem Gegensatz zur Paleo-Ernährung, wie sie heute als Diätform praktiziert wird.

Wie sieht die Steinzeiternährung heute aus?

Ausgehend von den Annahmen, die über die Ernährung in der Steinzeit getroffen werden, besteht die Steinzeit- oder Paleo-Ernährung vor allem aus langen Listen von erlaubten und verbotenen Lebensmitteln.

Lebensmittel für die Paleo-Diät, Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch

Lebensmittel für die Paleo-Diät. Moderne Obst- und Gemüsesorten, die es in der Steinzeit noch nicht gab, aus verschiedenen Weltgegenden
Foto: MaraZe/Shutterstock

Und natürlich aus Empfehlungen, was man aus den erlaubten Lebensmittel kochen oder zubereiten kann, also aus Rezepten.

Insgesamt versucht man, sich die positiven Aspekte die steinzeitlichen Ernährungsweise herauszupicken, dabei auf die unangenehmen möglichst zu verzichten.

Das Ergebnis soll eine gesunde, schlank machende Ernährungsweise sein.

Erlaubte Lebensmittel bei der Paleo-Diät

Erlaubt sind Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier, Gemüse, Kräuter, Pilze, Obst, Honig und Nüsse.

Das gilt im Prinzip für alle Varianten, die heute erhältlich sind. Auch wenn es in der Steinzeit noch keine Nutztiere, keine kultivierten Gemüse- und Obstsorten gab.

Erlaubt sind auch Samen wie Sonnenblumenkerne, Sesam oder Leinsaat, nicht jedoch stärkehaltige Samen.

Warum die Steinzeitmenschen da Unterschiede gemacht haben sollen, bleibt offen.

Verbotene Lebensmittel bei der Paleo-Diät

Verboten ist jedes industriell hergestellte Lebensmittel, Milch und Milchprodukte, Getreide und alles, was daraus hergestellt wird.

Unklar ist, wieso Kaffee, Hülsenfrüchte, Pflanzenöl verboten sind.

Rezepte für die Paleo-Diät

Wollte man kochen wie in der Steinzeit, bräuchte man offenes Feuer. Dürfte man keinen Kochtopf, keine Pfanne verwenden.

Denn die Steinzeit war die Zeit, bevor die Menschen Metall verarbeiten konnten. Töpfe und Pfannen, die für uns selbstverständlich sind, gab es also nicht.

Paleo-Rezepte sind also Kompromisse, in mehrfacher Hinsicht. Denn um Fleisch in der Pfanne zuzubereiten, braucht man Fett. Das in der Steinzeit eher nicht so reichlich zu kriegen war.

Wild lebende Tiere sind fettarm, außer im ganz hohen Norden. Also wenn man annimmt, dass die Herstellung von Pflanzenöl damals noch nicht möglich war, wird es eng.

Denn Butter ist nicht erlaubt, Margarine auch nicht. Schweineschmalz gibt es nur von Hausschweinen in nennenswerter Menge.

Paleo-Rezepte enthalten oft Ghee, ohne dass es an der Stelle eine Erklärung geben würde. Ghee ist Butterschmalz, also eindeutig ein Milchprodukt.

Paleo-Rezepte nennen als Zutaten oft die Fleischstücke, die es heute überall zu kaufen gibt. Aber man darf annehmen, dass die Steinzeitmenschen die Tiere, die sie gejagt haben, vollständig verspeist haben. Sie konnten sich den Luxus nicht erlauben, sich die feinsten Stücke rauszupicken.

Paleo-Rezepte mischen oft Zutaten, die aus der ganzen Welt stammen. Ernährung in der Steinzeit war mit Sicherheit regional, es gab nur das, was die unmittelbare Umgebung hergab.

Low-Carb und Paleo-Ernährung: eine Geschichte, aber aus unserer Zeit

Paleo-Ernährung ist also ein Produkt unserer Zeit. Sie strickt eine Geschichte um die Annahme, dass eine kohlenhydratarme Ernährung irgendwie besser wäre.

Und obwohl diese Geschichte inzwischen widerlegt ist, obwohl bekannt ist, dass sie nicht den Tatsachen entspricht, wird weiter an der Geschichte festgehalten.

Trotzdem spricht natürlich nichts dagegen, hin und wieder nach den Rezepten der Paleo-Diät zu kochen.

Das ist durchaus gesund, schon, weil konsequent auf Industrieprodukte verzichtet wird. Außer vorübergehenden Verdauungs- und Stoffwechselproblemen durch zu viel Eiweiß und zu wenig Ballaststoffe sind kaum Nachteile zu erwarten.

Ein Paleo-Ernährungsplan ist allerdings im Grunde widersinnig. Denn unsere Vorfahren konnten kaum planen, was sie essen wollten. Sie mussten nehmen, was da war.

Abnehmen mit der Paleo-Diät

Die heute propagierte Steinzeiternährung kann, als Paleo-Diät, auch zum Abnehmen verwendet werden.

Man sollte sich allerdings nicht der Illusion hingeben, dass schon die Steinzeitmenschen mit dieser Diät abgenommen hätten. Die hatten andere Sorgen.

Heute ist Übergewicht dagegen ein verbreitetes Problem, und die Steinzeitdiät ist einer der Versuche, es zu lösen.

Dabei wird zuweilen behauptet, dass es nach einer Gewichtsabnahme mit der Paleo-Diät keinen Jo-Jo-Effekt geben würde. Es wäre schön, wenn das wahr wäre.

Tatsache ist, dass man, wenn man nicht nur abnehmen, sondern auch schlank bleiben möchte, lernen muss, wie man sich in Zukunft ernähren möchte, ernähren kann, so dass es zu keiner Gewichtszunahme mehr kommt.

Dieser Lernprozess ist in der Paleo-Diät genauso wenig enthalten wie in allen anderen Diäten.

Viele verstehen daher die Paleo-Ernährung nicht als Diät, sondern als Ernährungsumstellung.

Mit der man ohne Verzicht automatisch schlank werden soll, zumindest auf lange Sicht. Tatsächlich muss man auf nichts verzichten, außer auf die Lebensmittel, die auf der Verboten-Liste stehen. Leider ist diese Liste lang.

Wer sich an die Lebensmittel auf der Erlaubt-Liste hält und aufhört mit Essen, wenn er satt ist, hat allerdings tatsächlich gute Chancen, nach und nach Gewicht zu verlieren.

Das Problem ist dann dasselbe wie mit jeder Diät: Es funktioniert, so lange man die Vorschriften einhält. Wie man es schafft, die Vorschriften einzuhalten, wird dezent ausgeblendet.

Kritik an der Steinzeit-Diät

Die Steinzeit-Ernährung ist gesünder als die heute verbreitete Ernährung. Man kann damit auch abnehmen. Das sind durchaus Vorteile.

Die Nachteile ergeben sich vor allem daraus, dass wir heute eben nicht in der Steinzeit leben.

Wir haben keine Möglichkeit, an die Lebensmittel zu kommen, die damals hauptsächlich verzehrt wurden. Wir haben nicht annähernd den Kalorienverbrauch unserer Vorfahren.

Und, wie bereits erwähnt, die Annahmen der Paleo-Diät über die Ernährungsweise unserer Vorfahren sind schlicht falsch.

Ausgehend von diesen falschen Annahmen ist die Paleo-Diät nur eine willkürliche Zusammenstellung von erlaubten und verbotenen Lebensmitteln. Wie andere Diäten auch.

Nicht vergessen sollte man auch, dass unsere Vorfahren sich nicht nur ernährt haben wie in der Steinzeit. Sie haben auch in der Steinzeit gelebt. Die Ernährung ist nicht losgelöst von den Lebensumständen zu verstehen.

Deshalb ist es durchaus wichtig, sich die Lebensumstände in der Steinzeit, und hier vor allem die Unterschiede zu unseren heutigen Lebensumständen, vor Augen zu führen.

Leben in der Steinzeit – mehr als Ernährung

In der Steinzeit gab es noch mehrere Menschenarten, nicht nur Homo sapiens wie heute. Und diese verschiedenen Arten besetzten wahrscheinlich unterschiedliche ökologische Nischen, wie man es auch heute noch von verschiedenen Tierarten kennt.

Sie werden kaum alle das gleiche gegessen haben. Hinzu kommt, dass die Steinzeit wirklich ein langer Zeitraum war, während dem sich die Menschen über die gesamte Erde ausgebreitet haben. Auch deshalb werden kaum alle dasselbe gegessen haben.

Ein paar Dinge kann man allerdings als ziemlich sicher ansehen. Es gab damals keine industriell hergestellten Nahrungsmittel, keine Zusatzstoffe, keinen Zucker.

Keine Nutztiere, keine Kulturpflanzen in der Steinzeit

Erwachsene haben, wie andere erwachsene Säugetiere auch, vermutlich keine Milch vertragen. Und es gab natürlich nur Wildpflanzen, keine Kulturpflanzen.

Das heißt unter anderem, dass unsere Vorfahren die meisten Obst- und Gemüsesorten, die für uns so selbstverständlich sind, garnicht kannten. Auch kein Getreide. Wohl aber die Wildformen aller dieser Pflanzen, auch Gräser und deren Samen.

Schon diese Punkte zeigen, dass es heute nicht ganz einfach ist, sich wie in der Steinzeit zu ernähren.

Auch beim Fleisch, das nach Ansicht einiger damals ein Hauptnahrungsmittel gewesen sein soll, kann man ziemlich sicher ein paar Unterschiede zu heute annehmen.

So haben die Menschen erst irgendwann im Laufe der Altsteinzeit gelernt, das Feuer zu beherrschen. Davor stand zwar wohl auch Fleisch auf dem Speiseplan, aber eben roh, oder, wahrscheinlicher, in Form von Aas.

Zumindest theoretisch könnte man sich auch heute noch so ernähren, aber so konsequent wird kaum jemand sein wollen.

Aber auch nach der Beherrschung des Feuers wird es sicherlich nicht wie heute nur die Steaks und Filetstücke gegeben haben, sondern das ganze Tier.

Bei diesen Tieren hat es sich auch nicht um die heute bekannten Nutztiere gehandelt, sondern um heute teilweise ausgestorbene Wildtiere.

Wildlebende Tiere enthalten sehr wenig Fett, jedenfalls dann, wenn sie in warmen oder gemäßigten Klimazonen leben. Es dürfte für unsere Vorfahren also garnicht so einfach gewesen sein, viel tierisches Fett zu sich zu nehmen.

Erst mit der Domestizierung, mit der Entwicklung der Nutztierrassen, stieg der Fettgehalt von Fleisch an.

Jäger und Sammler, verglichen mit heutigen Sitzmenschen

Während der Steinzeit lebten die Menschen als Jäger und Sammler. Das ist heute natürlich nicht mehr möglich, wird wohl auch von niemandem, auch nicht von den Anhängern der Steinzeit-Ernährung mehr angestrebt.

Die Behauptung, dass die Menschen damals gesünder waren, nicht unter Zivilisationskrankheiten litten, ist bestimmt richtig, wenn auch kaum beweisbar.

Allerdings sollte man nicht verkürzt davon ausgehen, dass die Ernährung die alleinige Ursache dafür war.

Ernährung und die genetische Ausstattung des Menschen

Die Anhänger der steinzeitlichen Art der Ernährung behaupten, dass das die artgerechte Ernährung für den Menschen wäre, weil sich sein Genom während der Altsteinzeit entwickelt hätte und die Zeit danach viel zu kurz wäre, um noch Veränderungen, Anpassungen an neue Ernährungsweisen hervorzubringen.

Eine solche Behauptung lässt sich natürlich schwer beweisen oder widerlegen. Bedenken sollte man aber, dass es damals noch mehrere Menschenarten gab, die sich natürlich in ihrer genetischen Ausstattung unterschieden.

Der moderne Mensch, Homo sapiens, war damals noch eine kleine Minderheit.

Dass diese kleine Minderheit sich schließlich durchgesetzt und über die ganze Erde ausgebreitet hat, liegt wohl eher nicht daran, dass sie auf eine bestimmte Art der Ernährung festgelegt ist, sondern eher daran, dass sie sich auf unglaublich viele unterschiedliche Arten und Weisen ernähren kann.

Und schließlich können sich genetische Veränderungen unglaublich schnell durchsetzen, wenn sie Vorteile bringen.

Laktase, ein Gegenbeispiel

Ein Beispiel dafür ist das Enzym Laktase, das die Verdauung von Milchzucker ermöglicht. Alle Säugetiere, inklusive der frühen Menschen, verlieren dieses Enzym mit dem Erwachsenwerden. Sie können sich nur als Säuglinge und Kleinkinder von Milch ernähren.

Schon vor der Neolithischen Revolution, also dem Beginn der Jungsteinzeit, begannen die Menschen,  auch Vieh zu halten.

Damit hatten sie erstmals die Möglichkeit, an Milch zu kommen. Das ist ungefähr 10.000 Jahre her, ein für die Evolution sehr kurzer Zeitraum.

Und trotzdem haben sich die Milchtrinker, also die Träger der Mutation, die die Verdauung des Milchzuckers auch Erwachsenen erlaubt, in der kurzen Zeit fast vollständig durchgesetzt.

Auch wenn es heute modern ist, an Laktoseintoleranz zu leiden, so sind doch die meisten Betroffenen, wie die anderen auch, Träger der Mutation.

Sie leiden an erworbener (und in manchen Fällen auch eingebildeter) Laktoseintoleranz, was von der Mutation zu unterscheiden ist.

Man kann davon ausgehen, dass es im Laufe der Menschwerdung noch mehr solche Mutationen gegeben hat, auch wenn in den meisten Fällen nur die Variante bekannt ist, die sich schließlich durchgesetzt hat.

Milch und Getreide: Steinzeitmenschen haben sie doch gegessen

In der Paleo-Diät oder Steinzeiternährung kommen Milch und Getreide nicht vor, weil beides angeblich erst mit der neolithischen Revolution Bestandteil der menschlichen Ernährung wurde.

Zumindest was das Getreide angeht, darf das zumindest in einem weiteren Sinne bezweifelt werden.

Denn alle Getreidearten sind Gräser. Die Urformen dieser Gräser gab es auch damals schon, und die Menschen haben die winzigen Samen gesammelt und gegessen.

Mit der Entstehung des Ackerbaus wurde dann natürlich daran gearbeitet, die Samenkörner und die Erträge größer werden zu lassen, aber das Prinzip, dass es sich um die Samen von Gräsern handelt, ist bis heute unverändert.

Auch wenn es richtig ist, dass die Menschen vor der neolithischen Revolution keine Milch vertrugen, so ist die Mutation, die uns das beschwerdefreie Milchtrinken ermöglicht, schon lange so weit verbreitet, dass man sie als den Normalfall beim modernen Menschen ansehen kann.

Und die anderen können sich trotzdem auch mit Milchprodukten ernähren, können Joghurt, Sauermilch und Käse essen.

Die Anhänger der Steinzeiternährung argumentieren, dass die veränderte Ernährung mit Getreide und Milch, die der Übergang zur Sesshaftigkeit mit sich brachte, nicht gesund gewesen sein kann, weil die Menschen in der ersten Zeit der Sesshaftigkeit an Körpergröße verloren haben, häufig Infektionskrankheiten zum Opfer fielen und insgesamt eine verringerte Lebenserwartung hatten.

Auch wenn diese Fakten inzwischen belegt zu sein scheinen, so ist damit nicht nachgewiesen, dass die Ernährung die Ursache gewesen ist. Das erscheint sogar unwahrscheinlich.

Vielmehr hat die Sesshaftigkeit durch den engen Kontakt vieler Menschen untereinander und mit ihrem Vieh zur starken Verbreitung der Krankheiten geführt. Missernten haben zu Hungersnöten geführt, denen dann schwerer ausgewichen werden konnte als zur Zeit des nomadischen Lebens.

Insgesamt hat sich die Menschheit in der Jungsteinzeit aber sehr stark vermehrt, was gegen die These spricht, dass sie durchgehend schlecht ernährt gewesen sind.

So viele Menschen zu ernähren, wäre durch Jagen und Sammeln vermutlich garnicht möglich gewesen. Ackerbau und Viehzucht, inklusive Milchwirtschaft, haben es möglich gemacht.

Was die Körpergröße angeht, so ist diese ja tatsächlich immer weiter angestiegen, obwohl die Menschen nicht zur nomadischen Lebensweise zurückgekehrt sind.

Was vermutlich durch gute Ernährung bedingt ist. So kann man auch heute noch zeigen, dass Notzeiten dazu führen, dass die Menschen tendenziell kleiner werden.

Dass wir heute seltener an Infektionskrankheiten sterben, liegt dagegen nicht so sehr an der Ernährung. Hygiene und Medizin haben da den größeren Einfluss, beides Dinge, die wohl in der Steinzeit noch unbekannt waren.

Der moderne Mensch und die Steinzeiternährung – es passt nicht wirklich

Da der Mensch ein Allesfresser (Omnivore) ist, kann man annehmen, dass ein gewisser Fleischanteil in der Ernährung gut für ihn ist.

Ein reiner Fleischfresser ist der moderne Mensch dagegen ganz sicher nicht, schließlich kann er auch mit fleischfreier Ernährung gut leben.

Allerdings haben sich seit der Altsteinzeit ein paar Dinge verändert, die bei der Ernährung mit berücksichtigt werden sollten.

So ist unsere heutige Lebensweise kaum mit der in der Altsteinzeit vergleichbar. Wir verbrauchen ungleich weniger Energie, haben auch ungleich weniger Zeit zur Verfügung, um nach Essen zu suchen.

Wir sammeln und jagen im Supermarkt, und es gibt keine wirklich akzeptablen Alternativen dazu, nicht für größere Menschengruppen.

Unsere Nahrung stammt nicht von wilden Tieren, nicht von wilden Pflanzen, sondern von Pflanzen und Tieren, die in einem langen Prozess domestiziert und kultiviert worden sind.

So richtig schlecht scheint das nicht zu sein, schließlich hat sich die Menschheit in den letzten 10.000 Jahren um ein Vielfaches vermehrt und auch die letzten Lebensräume auf der Erde erschlossen.

Der eine oder andere kann vielleicht soviel Zeit und Energie aufbringen, sich sein Essen aus Grassamen, wilden Himbeeren und Regenwürmern selbst zusammenzusuchen, aber das ist keine Alternative, um die gesamte heutige Bevölkerung zu ernähren.

Stattdessen Steaks und kultivierte Gemüsepflanzen zu essen, ist auch nicht sehr steinzeitlich.

Die Paleo-Diät kann deshalb keine echte Steinzeiternährung sein, und ob es sinnvoll ist, sich mit einer irgendwie daran angelehnten, an heutige Vorlieben und Wünsche angepassten Ernährungsform einzureden, man würde leben wie in der Steinzeit, darf angezweifelt werden.

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Beitragsbild: Anna Hoychuk/Shutterstock